
Finger weg! Neurotische Beziehungskonstellationen
Fast jeder Mensch kennt innerhalb seines Freundes- oder Bekanntenkreises ein Paar, das ihn den Kopf schütteln lässt. "Was hält die beiden nur beieinander", fragt sich der unbeteiligte Beobachter. "Dieses Paar tut sich nicht gut!"
Doch was einem aus der Distanz ins Auge fällt, kann man bei der eigenen Partnerschaft leicht übersehen, ist man doch selbst zu stark involviert. Ein genauerer Blick lohnt sich jedoch, um beizeiten Kurskorrekturen vorzunehmen.
Eine gesunde Partnerschaft wird von Psychologen durch das Vorhandensein einer klaren Aussen- und Innengrenze definiert.
Das heißt: Das Paar grenzt sich gegenüber anderen Personen ab, es fühlt sich als Paar, gestaltet sein Leben und seine Zeit gemeinsam. Gleichzeitig führen die Partner - jeder für sich - aber auch ein individuelles Leben.
Die meisten Menschen werden jedoch von zwei großen Lebensängsten begleitet: Zum einen von der Angst vor der Isolation, zum anderen von der Angst vor der Nähe, dem Verschlungenwerden, dem Ich-Verlust.
Bei manchen Menschen ist eine der beiden Ängste besonders ausgeprägt, bei anderen beide gleichzeitig. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und dem Wunsch nach Distanz, entweder zwischen zwei Menschen mit unterschiedlicher Bedürfnislage oder als innerer Konflikt. Beides wird in die Partnerschaft getragen und wird zum bestimmendem Thema.
Bei Paaren mit starren Innengrenzen und diffusen Aussengrenzen ist die Angst vor der Nähe das wichtigste Leitmotiv. Beziehungen zu anderen, Affären und Seitensprünge, sollen der Abgrenzung dienen. Eine intime Zweisamkeit mit nur einem Partner würde als einengend und unerträglich empfunden werden.
Anders sieht es bei den Paaren mit diffuser Innengrenze und starrer Aussengrenze aus. Hier wird aus Isolationsangst eine symbiotische Beziehung angestrebt. Das Paar fühlt sich geradezu als eine Person, was die Liebe über kurz oder lang ersticken wird.
Ein anderes typisches Verhaltensmuster innerhalb einer Beziehung ist eine psychologische "Rollenverteilung", die nicht durchbrochen wird.
So hat jeder Mensch das Bedürfnis nach Zärtlichkeit, Schutz und Geborgenheit. Dieses Bedürfnis wird aber regelmäßig abgelöst durch die Sehnsucht nach Kompetenz, Stärke und Tatkraft. In einigen Beziehungen ist jedoch ein Partner in einer Rolle festgelegt.
In einer solchen Partnerschaft wird eine Persönlichkeitsenwicklung unmöglich gemacht, zu gut ergänzen sich die Partner - der eine bietet Schutz, der andere ist schutzbedürftig - entsprechend abhängig sind beide von einander.
Dieses Partnerschaftsprinzip wird Kollusion genannt. Dabei handelt es sich um ein uneingestandenes Zusammenspiel der Partner aufgrund eines gleichartigen, unbewältigten Grundkonflikts. Scheinbar sind beide Partner sehr unterschiedlich.
Doch der gemeinsame Grundkonflikt wird nur in verschiedenen Rollen ausgetragen. Der eine Partner "wählt" den progressiven, der andere Partner den regressiven Selbstheilungsversuch. Progressiv meint hier jedoch Überkompensation.
In Wirklichkeit sehnt sich auch der Beschützende nach eigener Kindlichkeit und Schutz. Langfristig wird eine solche Beziehung scheitern, da die verdrängten Anteile im eigenem Selbst wieder hochkommen.
Partnerschaft und Partnerwahl hat also auch viel mit unbewussten Motiven zu tun. Um so klarer Sie sich über sich selbst und ihre Bedürfnisse sind, desto größer ist die Chance, mit dem geliebten Menschen eine lange, glückliche Bindung zu gestalten.
Wenn Sie jeoch das Gefühl haben, immer wieder in die selbe "Beziehungsfalle" zu tappen, können Sie eine Paartherapie oder eine Einzeltherapie machen, die Ihnen hilft, ihre Konflikte anders als über den oben beschriebenen "Selbstheilungsversuch" zu lösen.
Bei vielen Menschen sind regressive und progressive Verhaltensweisen nur Tendenzen. Das Ideal einer "gesunden Partnerschaft" ist reine Theorie. Dieses Ideal anzustreben, sollten Sie aber im Interesse Ihres persönlichen Glückes auf sich nehmen.
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