
Interview mit Kinderpsychologe Dr. Arnd Stein über die kindliche Lebenswelt
Als erfahrener Kinderpsychologe verfügen Sie über detaillierte Einblicke in die Wahrnehmung und die Lebenswelt von Kindern. Im Animationsfilm CORALINE sehnt sich die kleine Coraline Jones, deren Eltern nicht viel Zeit für sie haben, nach mehr Abwechslung, Spaß und Beachtung. Würden Sie sagen, dass viele Kinder heute ähnliche Wünsche hegen und unzufrieden mit der Situation zu Hause sind?
Ja, leider! Dafür gibt es zwei wesentliche Ursachen. Erstens: Gemeinsame familiäre Freizeitbeschäftigungen wie Gesellschaftsspiele oder Ausflüge sind in den letzten Jahren zunehmend aus der Mode gekommen. Dafür ist in hohem Maße das rapide wachsende Angebot aus der TV- und Computerwelt mitverantwortlich. Wenn die Mutter mit der Freundin chattet, der Vater im Internet surft und das Kind im Videospiel versinkt, dann verarmt die häusliche Kommunikation. Auch ausgiebiger Fernsehgenuss beeinträchtigt eine abwechslungsreiche Freizeitgestaltung sowie das angenehme Gefühl familiärer Gemeinsamkeit. Dadurch wird das Kind latent unzufrieden und sucht dann verstärkt in elektronischen Medien nach einem kurzweiligen Ersatz für die Defizite im Familienleben. Ein Teufelskreis!
Zweitens: Trotz zunehmender pädagogischer Aufklärung und Erziehungshilfe in allen Medien sind Beachtung und Anerkennung im Kinderzimmer immer noch unzureichend. Auch in „ganz normalen“ Familien steht das Zuwendungskonto – also das Verhältnis zwischen Bestätigung und Ablehnung – vielfach im Soll. Was den meisten Eltern nicht bewusst ist: Subtile Botschaften wie beispielsweise ein genervter Gesichtsausdruck oder ein gereizter Tonfall werden vom Kind häufig wie eine seelische Ohrfeige – also als schroffe Zurückweisung – erlebt. Kein Wunder, dass sich viele Kinder nach mehr Freundlichkeit und Anerkennung sehnen.
Wie artikulieren Kinder ihre Sehnsüchte?
Je nach Alter, Persönlichkeit und Wesensart auf ganz unterschiedliche Weise – durch klare verbale Äußerungen, Andeutungen oder auch verschlüsselt. In der kinderpsychologischen Praxis gibt es zahlreiche Testverfahren, die zum Beispiel mittels Bildvorlagen verborgene Sehnsüchte und Ängste erkennen lassen. Natürlich können Eltern auch ohne professionelle Unterstützung die Signale kindlicher Bedürfnisse wahrnehmen. Denn eigentlich verbirgt sich hinter jeder Unmutsäußerung des Kindes eine Frustration, die auf einen unerfüllten Wunsch hindeutet. Symbolische Hinweise erkennt man im gesamten Spielverhalten, in Zeichnungen und auch in der Vorliebe für bestimmte Bücher, TV-Sendungen oder Video-Spiele. Eltern müssen ihr Kind nur genauer beobachten, um seine mehr oder weniger versteckten Appelle richtig zu deuten.
Das Mädchen Coraline findet eines Tages eine versteckte Tür, hinter der sie die Welt vorfindet, von der sie immer geträumt hat. Auch im richtigen Leben erschaffen sich Kinder häufig ihre eigenen Fantasiewelten. Auf welche Art machen sie das und was sind die Gründe dafür?
Je jünger ein Kind ist, desto bunter und intensiver erlebt es seine Fantasiewelt. Vorschulkinder vertiefen sich gern in Märchenwelten, Grundschüler malen sich vorwiegend spannende Geschichten und Abenteuer aus. Ab etwa 10 Jahren gewinnen – vor allem bei Mädchen – zunehmend romantische Träume an Bedeutung, während Jungen in ihrer Fantasie allmählich die „Männerwelt“ erobern. Diese visuellen mentalen Vorgänge muss ein Kind nicht lernen – sie sind angeboren. Aber: (Bilder-)Bücher, erzählte Geschichten, Hörspiele oder Filme regen die Fantasie des Kindes an und können seine bildhaften Vorstellungen in bestimmte Richtungen lenken. Ebenso wie die Tagträume des Erwachsenen sind kindliche Fantasien ein seelisches Regulativ – zur Zerstreuung und Entspannung, Förderung der Kreativität, zur Konflikt- und Angstbewältigung, zur Selbstaufwertung, aber auch zum gedanklichen Training realer Lebenssituationen.
Die Welt, die Coraline zunächst wie eine endlose Zirkusvorstellung erscheint, entpuppt sich schon bald als Gefängnis aus dem sie nicht flüchten kann. Sind Fantasiewelten auch im realen Leben trügerische und gefährliche Orte für Kinder?
Wie gesagt: Fantasiewelten können für die Kinderseele sehr nützlich sein – aber sie bergen auch Gefahren. Wenn sie im Leben des Kindes überhand nehmen, sich mit der Realität vermischen oder sogar zu einer Art „Second Life“, also einer virtuellen Realität werden, können sie Suchtcharakter annehmen. Die Traumwelt wird dann zum Fluchtort vor alltäglichen Konflikten und Ängsten. Nicht selten erfolgt dann ein sozialer Rückzug und gleichzeitig eine wachsende Enttäuschung, wenn die rosarote Welt den alltäglichen Anforderungen immer wieder weichen muss.
Ist aus Ihrer Sicht eine „perfekte Welt“ im Elternhaus für Kinder sinnvoll?
Nein, weil dieses Ideal nicht in die Realität passt. Ecken und Kanten gehören nun mal zum Leben – und die kindliche Persönlichkeit kann nur dann wachsen und reifen, wenn Aufgaben bewältigt, Probleme gelöst und auch unangenehme Gefühle erlebt und verarbeitet werden. Ein „seelisches Schlaraffenland“ ist zwar auf den ersten Blick verlockend, würde aber bald zu einer psychischen Übersättigung des Kindes und damit auch zu Trägheit, Lustlosigkeit und Frustration führen. Ein „perfektes Heim“ steigert also nicht sein Wohlbefinden, sondern beeinträchtigt letztlich seine Lebenstüchtigkeit. Der goldene Mittelweg zwischen Geborgenheit und Sicherheit einerseits sowie Anforderungen und Hindernissen andererseits ist eine wichtige Voraussetzung für die innere Zufriedenheit und Ich-Stärke eines Kindes.
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