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Interview mit dem Kindernotdienst Berlin

kinder.de: Ist es nicht manchmal ein bisschen frustrierend, wenn man einen Fall nicht weiter mitverfolgen kann und ihn abgeben muss, bevor er abgeschlossen ist?

Bock-Leskin: Man muss sich einfach für sich selbst klarmachen: Das ist hier mein Arbeitsbereich und dort fängt ein anderer an. Es ist wichtig, das Gefühl und die Sicherheit zu haben, dass die Arbeit dort verantwortungsvoll weitergeführt wird. Und wenn das sichergestellt ist, dann ist das eine klare Abgabe von Verantwortung. Das muss man verinnerlicht haben, dann ist das auch ok.

kinder.de: Wie weit reichen Ihre Befugnisse, wenn Sie zu einem Notfall gerufen werden und die Familie die Tür nicht aufmachen will?

Bock-Leskin: Dann informieren wir die Polizei. Wir haben im Rahmen der Inaugenscheinnahme von Kindern und deren Wohnsituationen das Recht, die Wohnung zu betreten. Ein wichtiges Kriterium, wenn es um Kindeswohlgefährdung geht, ist die Mitwirkungsbereitschaft der Eltern. Wenn sie uns die Tür nicht öffnen, müssen wir davon ausgehen, dass da wenig Mitwirkungsbereitschaft ist. Das heißt, die Überprüfung ist noch notweniger, deshalb ziehen wir die Polizei hinzu. Wir nehmen die Polizei manchmal auch gleich mit, teilweise zu unserem eigenen Schutz. Wir wissen ja nicht, was uns erwartet.

kinder.de: Wie oft kommen Fälle von häuslicher Gewalt vor?

Bock-Leskin: Das weiß ich genau, weil wir gerade die Jahresstatistik von 2008 erstellt haben. Im letzten Jahr spielte im Zusammenhang mit Beratungsgesprächen und Aufnahmen von Kindern 216 Mal häusliche Gewalt eine Rolle.

kinder.de: Was würden Sie aufmerksamen Bürgern raten, die Anzeichen von Gewalt gegen Kinder oder deren Vernachlässigung bemerken, ab wann sollten sie eingreifen?

Bock-Leskin: Das kommt darauf an, wie eng der Kontakt zu den Betroffenen ist.  Eine wichtige Frage ist immer, ob die Eltern das Problem sehen. Wenn sie dies tun, kann man gemeinsam mit der Familie überlegen, wo man sich Hilfe holen kann und zum Beispiel das Jugendamt oder eine Beratungsstelle ansteuern. Aber oft sind die Leute, die sich hier melden, einfach nur froh, dass wir uns das Problem anhören und die Verantwortung übernehmen.

kinder.de: Ab wann wird Gewalt in Familien problematisch?

Bock-Leskin: Ich will das nicht verallgemeinern. Da spielen so viele Faktoren eine Rolle. Es gibt dazu auch einen Orientierungskatalog, der relativ schematisch, aber für uns ganz hilfreich ist. Darin wird altersspezifisch angegeben, an welcher Stelle Gewalt grenzwertig ist.

kinder.de: Der Kindernotdienst gehört zum Berliner Notdienst-System. Wie arbeiten Sie mit den anderen Einrichtungen des Notdienst-Systems zusammen?

Bock-Leskin: Natürlich überschneiden sich manchmal unsere Arbeitsbereiche. Die Hotline Kinderschutz befindet sich hier im Haus des Kindernotdienstes und wird personell durch den Kindernotdienst und den Jugendnotdienst unterstützt. Dann gibt es gemeinsame Fälle mit dem Jugendnotdienst, zum Beispiel bei Familien, in denen ein vierzehnjähriges Mädchen und ein achtjähriger Junge leben. In solchen Situationen kommt es zu gemeinsamen Vortortbesuchen, weil das manchmal personell nicht anders möglich ist. Wir können auf die personelle Unterstützung des Jugendnotdienstes zurückgreifen und umgekehrt.  
Es ist auch schon vorgekommen, dass wir ein dreizehnjähriges Mädchen im Kindernotdienst hatten, das aber durch ihre Entwicklung eigentlich schon in den Jugendnotdienst gehört hätte. Wir haben uns dann abgesprochen und das Mädchen an den Jugendnotdienst übergeben. Dies kann auch umgekehrt der Fall sein.

Manchmal gibt es auch Verbindungen zur KuB (Kontakt- und Beratungsstelle für obdachlose Jugendliche). Die KuB arbeitet enger mit dem Jugendnotdienst zusammen, weil sie für die gleiche Altersstufe zuständig sind. Wir hatten zum Beispiel einmal einen Fall, wo ein Mädchen von zu Hause weggelaufen ist, um in Berlin auf der Straße zu leben. Eigentlich wären wir zuständig gewesen, aber das Mädchen ist wieder weggelaufen und nach ein paar Tagen bei der KuB untergekommen. Wir haben den Fall dann gemeinsam bearbeitet, das Mädchen lebt heute wieder in ihrer Pflegefamilie.


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