
Polyamorie - In der Dreierbeziehung
Als Gabriele Leo zum ersten Mal traf, ahnte sie nicht, dass sie mit ihm auch ein neues Beziehungskonzept kennenlernen sollte: Liebe zu dritt, zu viert, zu fünft – mit Wissen und Einverständnis der Partner. Kann das funktionieren?
Gabriele, eine 42jährige Zahntechnikerin und Mutter eines pubertierenden Jungen, hatte nach ihrer Scheidung viele verschiedene Partnerschaften. „Doch alle gingen irgendwie in die Brüche. Ich glaube, es lag am Alltag. Und an den hohen Ansprüchen, die wir aneinander hatten“, erzählt Gabriele. Von Beziehungen hatte Gabriele lange Zeit die Nase voll. Doch dann traf sie Leo. „Es war auf einem Geburtstagsessen einer Freundin. Leo war ein alter Studienfreund von ihr. Bei mir hat es sofort gefunkt“, erklärt Gabriele.
Es ist vor allem die offene und hellwache Art des 45jährigen Holländers, die Gabriele auf den ersten Blick faszinierte. Nachdem sie sich den ganzen Abend angeregt unterhalten hatten, gingen sie für ein letztes gemeinsames Glas Wein noch in ein Lokal. „Es sind dann noch etwa mehr Gläser geworden, obwohl das gar nicht meine Art ist“, schmunzelt Gabriele. „Dann landeten wir bei ihm im Bett!“
Eine Überraschung am Morgen
Zu ihrer großen Überraschung musste Gabriele aber am nächsten Morgen entdecken, dass Leo nicht allein wohnte. In der Küche kochte eine Frau Kaffee, die Leo zur Begrüßung zärtlich umarmte. „Ich bin dann ziemlich schnell gegangen“, erzählt Gabriele. „Die Situation hat mich etwas überfordert.“ Doch die nächsten Tage konnte Gabriele an nichts anderes denken als an Leo. Auch wollte sie gerne wissen, wer die Frau in der Küche war. Vielleicht doch nur eine Mitbewohnerin?
Während Gabriele noch nachdachte, rief Leo sie an. Sie verabredeten sich für den Sonntag zu einem Spaziergang. „Als wir uns trafen, hatte ich richtig Herzklopfen. Ich war verliebt!“, erzählt Gabriele. „Am liebsten hätte ich überhaupt nicht über irgendwelche schwierigen Themen gesprochen!“ Doch Leo begann sofort das Gespräch. Erst entschuldigte er sich bei Gabriele, dass er sie ohne Vorwarnung mit zu sich nach Hause genommen hatte. Dann erklärte er ihr, dass er mit seiner Freundin polyamorös leben würde.
Gabriele war zunächst verdattert. „Dieses Wort hatte ich noch nie gehört! Ich dachte, sie wären so eine Art Swinger“, erzählt sie. „Aber Leo hat es mir dann erklärt, dass es eine Art Lebenstil ist, den er, seine Freundin und viele seiner Freunde seit gut zwanzig Jahren leben.“
Was ist Polyamorie?
Grundgedanke der Polyamorie ist, dass jeder Mensch mehr als einen Menschen lieben und begehren kann. Anhänger dieses Beziehungskonzepts behaupten sogar, dass dies die natürlichste Art des Zusammenlebens ist. Ihnen geht es dabei nicht um Partnertausch, sondern um echte Liebesbeziehungen, die ohne jede Heimlichkeit gelebt werden. Das Auftreten möglicher Eifersuchtsgefühle leugnen die Polyamoristen nicht. Jedoch sollen sie durch Gespräche und Verständnis gelindert werden.
Gabriele war von Leos Erklärungen nicht im Geringsten überzeugt. „Ich dachte: Na viel Spaß! Ohne mich! Vor allem das Eifersuchtsproblem kam mir unlösbar vor“, erklärt sie. „Aber Leo sagte mir auch, dass er sich in mich verliebt hätte.“
Deshalb traf sie sich irgendwann doch wieder mit Leo. Diesmal nahm sie ihn mit zu sich nach Hause. „Ich dachte, ich tue ja niemand weh. Wenn er es so wollte, dann bitte!“, erklärt Gabriele. Schließlich entwickelte sich mit der Zeit zwischen den Beiden eine ernsthafte Liebesbeziehung. Manchmal erzählte Leo Gabriele auch von seinem Leben mit seiner Freundin – und anderen Freundinnen. Zum Beispiel, dass einerseits die Freude, andererseits auch die Probleme mit jeder Frau mehr würden. „Nervtötende Beziehungsprobleme gab es also auch unter Leos Leuten. Nur im schlimmsten Fall drei- oder vierfach“, berichtet Gabriele. „Leo sagte auch, er hätte sich oft nur eine Frau gewünscht, weil er teilweise kaum Zeit für sich selbst hatte. Da musste ich doch sehr lachen!“
Leo und Gabriele verbrachten eine sehr schöne Zeit miteinander, wurden immer vertrauter. Doch Gabriele bekam zunehmend Probleme mit ihrer Eifersucht. Als eine alte Bekannte von Leo Geburtstag feierte, wollte Leo mit beiden Frauen dorthin. Aber Gabriele bestand darauf, dass Leos Freundin zu Hause bleiben sollte. „Das Fest war wunderschön, alles war toll geschmückt, die Leute alle interessant und lustig“, erzählt Gabriele. „Als auf den Geburtstag angestoßen wurde, hielt der Freund der Frau, mit dem sie seit Jahrzehnten zusammen ist, eine sehr zärtliche Rede. Anschließend hielt auch der zweite Freund eine Rede. Aus seiner Perspektive auf das gemeinsame Leben.“
Gabriele wurde in diesem Moment klar, dass sie kein polyamoröses Leben leben konnte. „Alles war so nett und so reizend. Aber mir wurde der Unterschied zu diesen Menschen einfach zu bewusst“, erklärt sie. Sie nahm ihre Tasche und ging. „Um mit der Eifersucht umzugehen, braucht man entweder sehr viel Größe“, erklärt sie. „Oder man muss sich selbst sehr gut belügen können. Ich kann weder das eine noch das andere.“
Kommentare
(Zum Kommentieren bitte im kinder.de Club anmelden)






