
Probleme beim Text abschreiben
Leserbrief von Frau Hannemann:
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir haben einen Sohn, der ein identisches Problem (rechnet top, liest super, schreibt Aufsätze mit sehr wenig Fehlern, 2. Schuljahr, aber Abschreibetexte sind mit viel Fehlern) hat wie bei Ihnen auf der Seite von der Frage von Frau Rössig geschildert. Die Antwort gab E. M. Müller.
Wir haben hierzu noch eine Anregung und eine Erklärung des Phänomens:
Da unser Junge hochbegabt getestet wurde, aber das oben beschriebene Ergebnis zeigt, hat mich als Mutter diese Diskrepanz mit Abschreibetexten und hoher Fehlerquote im Vergleich zum zu erwartenden Potential doch sehr erstaunt.
Erklärung:
Unser Sohn ist sehr stark im ganzheitlichen Erfassen von Zusammenhängen. Die gute ganzheitliche Auffassungsgabe des Kindes ist auch in einem IQ-Test belegt. Diese ganzheitliche Orientierung erkennt man zum Beispiel daran, dass er nicht buchstabierend Lesen gelernt hat, wie das wohl bei den meisten Kindern der Fall ist, die einzeln die Buchstaben zu Wörtern zusammenziehen, sondern sehr schnell ganze Wörter erfasste. Ganzheitliches Denken ist bei ihm sehr ausgeprägt. So erklärt sich, dass er Wörter lesend rasch und insgesamt erfasst, aber die Einzelheiten - wie z.B. ein Dehnungs "h" oder "ie" oder auch einmal eine "en"-Pluralendung nicht erfasst - man hört es nicht, wenn man es spricht, und da das Detail rasch gelesen nicht "gesehen" wird, wird es auch nicht geschrieben - daher die Fehler beim Abschreiben, einer motivational sowieso wenig ansprechenden Aufgabe für auffassungsschnelle Kinder.
Lösung des Problems:
In einem Kurs für Lernstrategien hat der Leiter die Kinder Fehlersuchbilder (2 gleiche Bilder, eines hat 10 kleine Abweichungen,die es zu finden gilt) lösen lassen, einmal herkömmlich, und einmal, indem die beiden Bilder jeweils mit einem weißen Blatt abgedeckt wurden, das parallel langsam nach rechts gezogen wurde. So waren auch minimal verborgene und zuvor übersehene schwierige Fehler für alle leicht zu finden.
Diese Technik haben wir für unseren Sohn auf die Hausaufgaben "Abschreibetext" übertragen: Resultat: glückliches Kind, fehlerfreier Text, erleichterte Mutter. Also: Beim Abschreiben kann das Kind bereits das abzuschreibende Wort abdecken und das Blatt langsam nach rechts ziehen, so dass es die Buchstaben einzeln "entdeckt". Dann erst wird geschrieben, Wort für Wort. Wenn der Text steht, kann man mit der gleichen Methode die Kontrolle machen, wobei beide Texte dann jeweils mit einem Blatt abgedeckt werden.
Leider kennen viele Lehrer sich mit dem Problem nicht aus, es wird dann immer mangelhafte Konzentration oder Flüchtigkeit/Desinteresse oder gar Unfähigkeit unterstellt. Dies bedeutet auch für das Kind oft ziemlichen Frust, denn es hat sich ja bemüht. Da gerade das Abschreiben von Wörtern und Texten in den unteren Klassen im Vordergrund steht, und das motivationale Selbstbild des Kindes als Schüler hier geprägt werden (Erfolgsmotivation, Mißerfolgsangst) kann hier unnötig sehr viel Stress bis hin zu ADHS-Verdacht aufkommen. Dies ist vermeidbar, wenn man diese kleine Hilfe mit dem Blatt anwendet, es würde Eltern und Kindern und Lehrern viel Frustration ersparen. Leider ist in unserem zum Teil doch noch sehr normierenden Schulsystem noch nicht die Differenzierung der Lerntypen bis in alle Klassenzimmer gedrungen.
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