
Serie: Die Entwicklung des Kindes im 2. Lebensjahr
Kindliche Angst
Kinder fürchten sich vor vielen Dingen, doch die größte Angst Ihres Kindes ist, allein gelassen zu werden.Besonders bei Kindern zwischen neun und achtzehn Monaten, also mit dem Beginn des Krabbelalters, scheint diese Angst besonders stark zu werden.
Wenn Ihr Kind Ihnen oft von Raum zu Raum folgt, sich häufig eng an Sie schmiegt, häufiger weint oder quengelt, bei jeder Gelegenheit seine Hand in die Ihre legt oder ganz besonders artig ist, um Ihnen eine Freude zu machen, können Sie vermuten, dass sein Verhalten auch durch Ängste motiviert ist.
Der Grund für die steigende Angst ist in der naturgegebenen Entwicklung Ihres Kindes begründet:
In den letzten Monaten hat es gewaltige Fortschritte gemacht, es kann sich fortbewegen und hat einen bescheidenen Wortschatz aufgebaut. Ihr Kind wird - natürlich nur im bescheidenen Maße - immer unabhängiger von Ihrer Person.Auf der einen Seite begrüßt Ihr Kind diese Entwicklung, es will unabhängig sein, ein Individuum werden und nicht unter Ihrer absoluten Kontrolle stehen. Aus diesem Wunsch heraus resultiert ein Konflikt: Denn genauso stark, wie sich Ihr Kind Unabhängigkeit wünscht, genauso heftig spürt es, wie sehr es Sie braucht!
Ihr Kind ist hin und her gerissen, zwischen dem Bedürfnis nach Eigenständigkeit und Hilfsbedürftigkeit.
Ein Baby hat lange Zeit das wohlige Gefühl, dass es mit der Mutter immer noch eine Einheit bildet. Beginnt nun das Kleinkind zu krabbeln, bemerkt es immer mehr, dass dies so nicht stimmt, dass Mutter und Kind zwei getrennte Einheiten sind. Ist es da nicht selbstverständlich, dass Ihr Kind sich ängstigt?
Viele Erwachsene reagieren in Extremsituationen ähnlich:
Die Isolationsangst gehört zu den stärksten Ängsten auch im Erwachsenenleben. Zerbricht beispielsweise eine Beziehung oder Freundschaft, oder der Arbeitsplatz geht verloren, müssen auch viele Erwachsene durch eine Phase tiefer Verunsicherung und Angst. Häufig fallen Sie dabei sogar auf eine frühere Entwicklungsstufe zurück, werden hilflos und ängstlich, sehnen sich nach mehr Zuwendung und Bemutterung. Genau so geht es Ihrem Kind!Viele Kinder brechen in Tränen aus und erscheinen untröstlich, sobald die Mutter den Raum verlässt. Verlieren Sie die Mutter aus den Augen, beschleicht Sie die Panik, dass diese geliebte Person für immer gehen könnte.
Kinder leben in einer ganz eigenen Welt mit anderen
Naturgesetzen: Sie nehmen zum Beispiel "Zeit" ganz anders war. Für Kinder können wenige Minuten eine Ewigkeit sein. Sie können Ihrem Kind versprechen, dass Sie sogleich wieder da sein werden.Da für Ihr Kleinkind der Begriff der Zukunft nicht relevant ist, sondern allein die Gegenwart zählt, wird es sich dennoch grenzenlos verlassen fühlen. Auch wenn ein Babysitter oder eine nahestehende Person die Betreuung übernimmt, ist Ihr Kind doch in dieser Zeit häufig so stark auf die Mutter fixiert, dass ihm dieser Ersatz kein Trost sein kann.
Doch Kleinkinder beginnen nicht nur zu weinen, wenn Sie sich verlassen fühlen können sie auch ausgesprochen ärgerlich und aggressiv werden.
Angst und Wut sind Reaktionen der Hilflosigkeit. Vielleicht haben Sie auch in Ihrem eigenen Leben schon beobachtet, dass Sie auf diese Weise reagieren, wenn es nicht in Ihrer Macht steht, etwas zu verändern oder die Kontrolle über eine Situation zu behalten.

