
Streiten will gelernt sein
Eine Beziehung ohne Streit ist undenkbar. Schließlich gibt es immer Meinungsverschiedenheiten zwischen zwei Menschen, egal wie sehr sie sich lieben. Manche Paare glauben zwar, ohne Streitereien auskommen zu können und gehen in ihrer Harmoniesucht jedem Zwist aus dem Weg. Dies rächt sich jedoch erfahrungsgemäß früher oder später, wenn der aufgestaute Frust mit einem Mal hervorbricht.
Besonders drastisch kann es werden, wenn nur einer der Partner der nachgiebige Harmoniefreund ist. Die Beziehung funktioniert dann nur auf seine Kosten. Seine Bedürfnisse werden nicht ausreichend befriedigt und der Partner verliert womöglich nach und nach den Respekt vor demjenigen, der immer nachgibt.
Streit ist also eine vitale Angelegenheit und kann auch Indikator sein, dass die Beziehung funktioniert. Schließlich haben sich beide Partner etwas zu sagen, sie ringen um die Gestaltung der gemeinsame Beziehung.
Schwierig ist es nur, wenn sich beide Partner im immer selben Streitmuster bewegen. Wenn die Verhaltensweisen vorhersehbar sind: toben, schreien, anschuldigen, generalisieren, schmollen, schweigen, weggehen.
Bei vielen Paaren geht es beim Streiten nicht um eine Sachangelegenheit, sondern um einen Machtkampf. Da wird mit den unterschiedlichsten Mitteln der Partner manipuliert, es geht um Sieg oder Niederlage - und nicht mehr um einen Meinungsaustausch, dem idealer Weise ein Kompromiß folgt.
Bei einem konstruktiven Streit sollten einige Regeln befolgt werden. Dies ist nicht immer leicht, schließlich kochen die Emotionen hoch. Doch auf Dauer lohnt es sich, an einer gemeinsamen "Streitstrategie" zu arbeiten. Tiefe Verletzungen, unbefriedigende Ergebnisse und das Wiederkäuen der immer gleichen Streitthemen können so vermieden werden.
Die erste Regel scheint dabei auch gleich die schwierigste zu sein: Ruhe bewahren! Denn es streite sich besser mit kühlerem Kopf. Auch wenn der Ärger groß ist, lässt sich ein Anliegen präziser formulieren, wenn man nicht vor Wut bebt.
Auch ist die Aussicht auf eine klare Reaktion auf diese Weise größer. Vielleicht hat sich der Streit auf diese Weise sogar schon erledigt, wenn der Partner genauso ruhig und mit Einsicht reagiert.
Zum zweiten sollten die Streitpartner immer beim Thema bleiben. Ein Streit um eine Sachangelegenheit kann sonst schnell zur Generalabrechnung eskalieren. Eine Lösung des Problems ist damit aber nicht in Sicht.
Auch lohnen sich keine Drohungen. Wer Konsequenzen ankündigt, etwa dem Beendigen der Beziehung, wenn sein Wille nicht geschieht, muss diese Drohungen wahr machen, sonst wird er unglaubwürdig. Aber dies kann und soll nicht der Sinn eines Streits sein.
Desweiteren ist es sinnvoll, keine Vorwürfe zu formulieren. Das treibt den Partner schnell in die Verteidigungshaltung. Besser ist es, zu sagen, wie man sich fühlt, welche emotionale Reaktion das Verhalten des Partners ausgelöst hat.
Selbstverständlich sollte es sein, dass sich die beiden Streithähne trotz aller Aufregung aussprechen lassen. Worte und Gefühle des Partners müssen ernst genommen werden. Blickkontakt zeigt, dass man einander zuhört und gemeinsam an der Lösung des Konflikts interessiert ist.
Ist der Streit in einer Sackgasse oder sind die Gefühle zu aufgewühlt, ist eine Streitpause völlig legitim. Beruhigung und ein wenig stilles Nachdenken bringt die Streitenden der Lösung des Problems näher, als Argumente, die sich ohnehin nur im Kreis drehen. Danach lässt es sich in der zweiten Runde leichter diskutieren.
Ergebnis eines Streits kann ein Kompromiß sein. Natürlich ist es aber auch möglich, dass einer der Streitenden erkennt, dass er im Unrecht war, so dass die Meinung, das Verhalten oder die Wertvorstellung des anderen sich durchgesetzt haben.
Es kann aber auch ganz anders kommen: Man kann sich weder auf einen Kompromiß noch auf die Übernahme der entgegengesetzten Haltung zum Streitthema einigen.
Wichtig ist in diesem Moment, dass dieser Fakt der Uneinigkeit akzeptiert wird. Entweder müssen daraus längerfristige Konsequenzen gezogen werden, z.B. die Trennung der Partner, wenn es sich um ein wichtiges, existenzielles Thema handelt.
Das Streitthema kann aber auch als erledigt ad acta gelegt werden, über das es sich nicht mehr zu streiten lohnt, da die Ansichten darüber unvereinbar sind. Dies ist aber nur möglich, wenn es sich um ein zweitrangiges Thema handelt.
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