Das Baby verwöhnen?!

Ein verwöhntes Kind möchte wohl niemand haben. Und gerade frischgebackene Väter und Mütter sind ratlos und unsicher, wenn es um dieses Thema geht.
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„Lasst das Baby mal schreien, Ihr verwöhnt es ja“, „Tragt den Kleinen nicht so oft umher oder wollt ihr ihn verziehen?“: Diese oder ähnliche Vorwürfe haben wohl die meisten Väter und Mütter schon einmal gehört. Aber kann man ein Baby überhaupt verwöhnen?

Schreien als Alarm

Wenn ein Kind geboren wird, ist es zunächst komplett hilflos. Es ist auf die Zuneigung und Pflege seiner Eltern angewiesen, um zu überleben. Werden seine Bedürfnisse nicht befriedigt, weint es. Das Schreien ist also eine Art Alarm, der signalisiert: Ich habe Hunger, ich brauche eine frische Hose, ich habe Bauchweh, ich bin müde und vieles mehr. Gleichzeitig reagiert eine Mutter instinktiv auf das Schreien. Wenn Mama und Papa aufgrund des Weinens handeln, hat das zunächst also nichts mit verwöhnen zu tun. Sie sorgen nur dafür, dass die Grundbedürfnisse des Babys befriedigt werden und folgen ihren natürlichen Instinkten.

Babys brauchen Nähe

Klar ist: Neugeborene brauchen die Nähe ihrer Eltern. Die Welt ist ihnen nach ihrer Geburt zunächst erst einmal fremd. Es ist kälter als in Mamas Bauch, viel heller und lauter. Für Säuglinge ist die Geburt darum zunächst ein kleiner Schock. Und den gilt es erst einmal zu überwinden. Das funktioniert am besten, wenn sie die Stimmen hören, die sie schon gehört haben, als sie noch im Bauch der Mutter waren. Der Wunsch nach Nähe ist also ganz normal. Also ist es kein Zeichen von Ungezogenheit, wenn Babys auch dann weinen, wenn sie satt sind und eine saubere Windel haben, ihnen also eigentlich nichts fehlen dürfte.

Säuglinge denken anders

Zusätzlich zu dem Gefühl, völlig fremd zu sein und darum die Nähe zu Mama und Papa spüren zu wollen, wird das Verhalten der Kleinen auch durch etwas anderes bestimmt und geprägt: Babys denken anders. Verlassen die Eltern den Raum, bedeutet das für das Kind: Mama und Papa sind weg. Für immer. Denn für den Säugling ist es nicht zu verstehen, dass sie den Raum auch wieder betreten können. Die Folge: Das Kind beginnt zu schreien. Eine Reaktion, die die Natur geschickt einsetzt. Denn würde das Baby tatsächlich verlassen werden, könnte es nicht überleben. Also schreit das Kind, um sein Überleben zu sichern. Auch dann, wenn Mama nur kurz ins Wohnzimmer gegangen ist, um das Fenster zu schließen, oder Papa nur schnell ein Fläschchen warm machen möchte.

Zuneigung im 19. Jahrhundert tabu

Warum befürchten einige Menschen also, das Baby könne verwöhnt werden? Diese Vorstellung kam im 19. Jahrhundert auf. Man ging davon aus, dass Kinder zum Zeitpunkt ihrer Geburt in erster Linie mit schlechten Eigenschaften ausgestattet sind, die es ihnen abzugewöhnen gilt. Nahrung gab es für Neugeborene darum in jener Zeit nur dann, wenn es zeitlich tatsächlich vorgesehen war. Zuneigung wurde gänzlich vermieden. Denn die Kinder sollten nicht verwöhnt werden. Kuscheln, spielen und mit den Kleinen sprechen waren also tabu. Tatsächlich war es so, dass die Babys irgendwann nicht mehr weinten, wenn sie hungrig waren oder sich nach der Nähe von Mama oder Papa sehnten. Denn sie hatten gelernt, dass auf das Weinen keine Resonanz folgte. Für Eltern von heute sind Erziehungsmethoden wie diese unvorstellbar. Zumindest für die meisten. Denn für einige ist auch heute noch klar: Wer das Kind nicht auch mal schreien lässt, verwöhnt es.

Dabei ist diese Annahme falsch. Insbesondere dann, wenn von Kindern gesprochen wird, die jünger als sechs Monate sind. Denn in dieser Zeit haben Babys ohnehin eine ganz andere Selbstwahrnehmung. Sie begreifen sich noch gar nicht als eigene Person und fühlen sich alleine, wenn Mama, Papa oder andere Bezugspersonen nicht da sind. Das Schreien geschieht darum aus Verzweiflung und keinesfalls, weil die Kleinen ihre Eltern drangsalieren möchten.

Nicht verwöhnen, sondern Vertrauen geben

Eltern, die zu ihrem Baby gehen, wenn es weint, es hochnehmen, wenn es schreit oder es trösten, wenn es schluchzt, verwöhnen das Kind also nicht. Denn diese Art des Kümmerns signalisiert dem Kind etwas ganz anderes: Vertrauen. Das Baby lernt, dass es sich auf Mama und Papa verlassen kann. Und damit gleich auch auf die Welt insgesamt. Das ist besonders wichtig, wenn es um den Aufbau von Selbstvertrauen geht. Ein Kind, dass gute Erfahrungen mit anderen Menschen macht und spürt, dass es sich auf diese verlassen kann, ohne Angst haben zu müssen, verlassen zu werden, wächst eher zu einem selbstbewussten Menschen heran als andere.

Es ist also nicht sinnvoll, das Kind weinen zu lassen, weil man befürchtet, es könnte sonst zu einem egoistischen kleinen Tyrannen werden. Das Gegenteil ist oftmals der Fall.