Ursachen von Adipositas bei Kindern und was man dagegen tun kann

Eine Anfang des Jahres 2018 veröffentlichte Studie des Robert Koch Instituts zeigte, dass etwa jedes siebte Kind in Deutschland zu dick oder sogar fettleibig ist: 15,4% der Mädchen und Jungen zwischen 3 und 17 Jahren seien betroffen. Ganze 6% haben Adipositas. Zwar steigt der Anteil der betroffenen Kinder seit einigen Jahren nicht mehr an, er hat sich allerdings auf einem hohen Niveau stabilisiert. Kein Grund also, zu entwarnen. Im Gegenteil – damit Kinder eine gesunde Zukunft haben, gilt es, das Risiko zu minimieren und Adipositas erst gar nicht entstehen zu lassen. Die Chancen verringern sich, indem Eltern sich die Risikofaktoren vor Augen führen und indem sie bewusst versuchen, Übergewicht bei ihren Kindern entgegen zu wirken.
Junge mit Übergewicht drückt den Bauchspeck
Immer noch viel zu viele Kinder in Deutschland leiden an Übergewicht und Adipositas. Aber warum und was kann dagegen auch seitens der Eltern unternommen werden?fotolia.de | Aunging

Kinder und Übergewicht

Am Anfang jedes Lebens hat der Körper eine Fettmasse von etwa 11% des gesamten Körpergewichts. Bis zum Ende des ersten Lebensjahres erhöht sich diese Fettmasse auf knapp 25% – das ist der sogenannte “Babyspeck”. Diese Fettzunahme sowie die darauffolgende Rückbildung des Fettgewebes bis ins Alter von 5 bis 6 Jahren sind genetisch programmiert. Sobald Kinder ans Ende der Kindergartenzeit kommen, hat der BMI – der Body-Mass-Index, der eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße darstellt und sich etwa mittels eines BMI-Rechners recht einfach halbwegs präzise ermitteln lässt – sein Minimum erreicht. Das bedeutet, dass Kinder in diesem Alter eher schlank sein sollten. Danach steigt die Fettmasse langsam, aber sicher wieder, um mit der Pubertät zuzunehmen. Das nur vorweg.

Übergewicht und schließlich auch Fettleibigkeit (Adipositas) entstehen sowohl bei Kindern, als auch bei Erwachsenen durch eine dauerhaft positive Energiebilanz. Das bedeutet, man wird dann übergewichtig, wenn man dem Körper dauerhaft mehr Energie zuführt, als er verbraucht. Bereits 100 Kalorien am Tag mehr, als verbraucht werden, reichen, um am Ende des Jahres ganze 10 Kilogramm zusätzliches Körpergewicht zu haben. Aber wie genau kommt es denn eigentlich bei doch so vielen Kindern und Jugendlichen zu solch einer positiven Energiebilanz?

Typische Risikofaktoren für Adipositas

In der Regel kommen bei adipösen Kindern mehrere verschiedene Risikofaktoren zusammen, die Fettleibigkeit begünstigen. Die typischsten dieser Faktoren wollen wir im Folgenden kurz erläutern:

 

  • Vererbung

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung, kurz BMBF, weist auf seiner Website darauf hin, dass das Gewicht der Eltern, deren biologische Anlagen sowie ihr Ernährungs- und Lebensstil das Adipositas-Risiko der Kinder beeinflusst. So soll das Risiko von Kindern und Jugendlichen irgendwann Übergewicht zu bekommen, um bis zu 80% erhöht sein, wenn die Eltern auch übergewichtig sind. Im Falle von adipösen Eltern ist das Risiko der Kinder übergewichtig zu werden im Vergleich zu Kindern mit normalgewichtigen Eltern sogar um 300% erhöht.

 

  • Die Schwangerschaft und frühe Prägungen

Auch kann Adipositas bei Kindern teilweise auf frühe Prägungen und sogar die Schwangerschaft zurückgeführt werden. Denn bereits vor der Geburt wird der Stoffwechsel des Kindes im Mutterleib programmiert. Kinder die hier unterversorgt sind, stellen ihren Stoffwechsel auf lange Frist auf einen Sparbetrieb, der dafür sorgt, dass weniger Kalorien verbraucht werden. Bereits dadurch kann es schon im Mutterleib zu Übergewicht kommen, wenn dann wieder eine erhöhte Versorgung stattfindet.

Auf der anderen Seite kann auch eine starke Gewichtszunahme der Mutter während der Schwangerschaft Übergewicht im Kindealter begünstigen. Eine Gewichtszunahme von bis zu 16 Kilogramm gilt bei Schwangeren als normal, alles was darüber liegt, könnte gefährlich werden.

Abseits davon erhöht auch das Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft das spätere Risiko für Adipositas beim Kind deutlich.

 

  • Säuglingsnahrung
Milchfläschchen im Vordergrund, stillende Mutter unscharf im Hintergrund

Wer selbst stillen kann, sollte dies unbedingt tun, da sich damit Übergewicht beim Säugling vorbeugen lässt. fotolia.de © evso

Immer wieder wird auch darauf hingewiesen, dass die Fütterung eines Säuglings mit Säuglingsmilchnahrung Adipositas begünstigen kann. Wer selbst stillen kann, sollte dies also auf jeden Fall bevorzugen. Außerdem wird empfohlen, Säuglingen statt Nahrung aus getrockneter Kuhmilch Nahrung aus Hydrosylaten zu geben. Diese Hydrosylatmilch wird vor allem an Säuglinge gefüttert, die eine Milchzuckerunverträglichkeit haben; sie eignet sich allerdings auch für alle anderen Säuglinge, da sie einer starken Gewichtszunahme und damit auch Adiposität vorbeugt. Das liegt daran, dass der Darm Hydrosylate besser als Kuhmilcheiweiße verwerten kann und Hydrosylate somit auch für ein früheres Sättigungsgefühl sorgen.

 

  • Ein Mangel an Bewegung

Oben erwähnte Studie des Robert Koch Instituts hat gezeigt, dass sich Kinder und Jugendliche in Deutschland deutlich zu wenig bewegen. Die Weltgesundheitsorganisation, WHO, empfiehlt Heranwachsenden mindestens 60 Minuten aktive Bewegungszeit jeden Tag die Woche. Die Realität sieht leider ganz anders aus: Lediglich 22,4% aller Mädchen und 29,4% aller Jungen halten sich an diese Empfehlung.

 

  • Das Essverhalten

Was das Essverhalten bei Kindern betrifft, kann nur wieder auf die Kalorienbilanz verwiesen werden, die nicht im positiven Bereich sein sollte. Zwar begünstigt Bewegungsmangel bei Kindern Adipositas wohl noch etwas mehr, als falsches Essverhalten, dennoch wirkt sich der Konsum ungesunder Produkte auf das Gewicht aus.

Nach Angaben der Robert Koch Studie sank etwa der Konsum zuckerhaltiger Getränke deutlich, er sei aber immer noch viel zu hoch. So trinken derzeit in etwa 17% der Mädchen und rund 22% der Jungen ein- oder mehrmals täglich zuckergesüßte Erfrischungsgetränke. Cola, Fanta, Limonaden und ähnliche gesüßten Getränke gelten als eindeutiger Risikofaktor für die Entstehung von Übergewicht, Adipositas, Diabetes und einigen andere chronischen Krankheiten, weshalb sie auf der Liste der Lebensmittel, die Kinder nur sehr eingeschränkt zu sich nehmen sollten, ganz weit oben stehen.

Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können und sollten

Wo wir es gerade schon von der Ernährung hatten: Gerade was diese anbelangt, liegt es zu einem großen Teil bei den Eltern, dafür zu sorgen, dass das Kind die richtigen Dinge zu sich nimmt.

Wir haben bereits in einem anderen Artikel darauf hingewiesen, dass der Grundstein für die spätere Ernährung schon im Kindesalter gelegt wird. Mädchen und Jungen also, die sich schon als Kleinkinder ungesund ernähren, werden ihr Essverhalten später vermutlich auch kaum oder nur sehr schwer ändern und können somit ein Leben lang übergewichtig sein. Wenn Eltern ihren Kindern allerdings schon von Beginn an zeigen und vorleben, welche Lebensmittel gesund sind und wenn sie zeigen, dass auch gesundes Essen gut schmecken kann, ist die Chance, dass sie sich später ausgewogen ernähren, wiederum sehr hoch. Übrigens können in Fällen, in denen Kinder bereits dazu neigen adipös zu werden oder dies vielleicht sogar schon sind, auch konkrete Diäten helfen. Methoden wie die “Low Carb – Real Food-Diät”, bei der ein Kaloriendefizit, eine ausreichende Versorgung mit Protein und Mikronährstoffen und das Ermitteln der jeweils richtigen Menge an Kohlenhydraten berücksichtigt werden, sind kompliziert, können allerdings mit ambitionierten Eltern funktionieren. Wichtig ist, dass keine Radikaldiäten durchgeführt werden, da diese für Kinder eher gefährlich, als hilfreich sind.

Einige weitere detaillierte Tipps bezüglich der “Ernährungserziehung” können gegeben werden:

  • Fettreiche Produkte sollten in der Ernährung so gut es geht vermieden werden. Es kann nie schaden, zusammen mit den Kindern zu lernen, welche Lebensmittel besonders viele gesättigte und damit besonders “schlechte” Fette enthalten. Vor allem in Wurst und anderen tierischen Produkten finden sich jene Fettsäuren
  • Produkte, die einen hohen Sättigungswert und gleichzeitig wenig Kalorien haben, eignen sich hervorragend für alle Kinder, die zu Übergewicht neigen, aber einfach nicht auf viel Essen verzichten wollen. Ein großer Salat mit Grillgemüse und einem Vollkornbrötchen kann sehr lecker schmecken und hat nur wenige Kalorien im Vergleich zu etwa einem Schnitzel mit Pommes und Ketchup
  • Ein kleiner Salat oder etwa eine klare Gemüsebrühe vor dem Essen sind ebenfalls ein gutes Mittel, um den Hunger zu dämpfen und die Kalorienzufuhr bei der Hauptmahlzeit somit zu senken
  • Statt Kochsalz sollte für die Zubereitung des Essens eher auf Kräuter, Zwiebeln und andere Gewürze gesetzt werden
  • Statt drei großen Hauptmahlzeiten eignen sich zur Vorbeugung von Adipositas mehrere kleine Mahlzeiten besser

Natürlich gilt es als Eltern auch, das Kind bei seiner täglichen Bewegung zu unterstützen. Wichtig ist, dass Kinder nicht gezwungen werden etwa eine bestimmte Sportart auszuführen oder Ähnliches. Stattdessen gilt es, mit Kindern diverse Dinge auszuprobieren, ihnen Spaß an der Bewegung zu vermitteln und genau zu beobachten, was den Kindern gefällt. Entsprechend können dann Maßnahmen ergriffen werden, um Kinder in diesem Bereich zu fördern, bzw. zu ermöglichen, dass Kinder sich hier weiterentwickeln, mehr ausprobieren können usw.

Übrigens ist es sowohl bei der Bewegung, als auch bei der Ernährung wichtig, dass das Kind selbst auch bereit ist, mitzuarbeiten. Das ist nicht immer einfach, erleichtert das Abnehmen oder das Vorbeugen gegen Adipositas für beide Parteien aber ungemein. Warum nicht gemeinsam mit den Kleinen hinsetzen und einen Ernährungsplan aufstellen und lustig gestalten? Kreativität, Einfühlungsvermögen, Geduld und Verständnis sind gefragt, um Ziele bei den Kleinen ohne Zwang zu erreichen. Nur so lässt sich eine professionelle Therapie dauerhaft vermeiden.

Die Adipositas-Behandlung durch professionelle Therapien

Sind Eltern damit überfordert, die Adipositas-Erkrankung – ja, Adipositas selbst ist nach Meinung von Experten schon als Krankheit anzusehen – ihrer Kinder in den Griff zu bekommen, hilft nur noch eine professionelle Therapie. Diese kann ganz unterschiedlich aussehen und findet oft in mehreren Abstufungen statt.

  1. Einem Übergewichtiger Junge wird der Bauchumfang gemessen.

    Vor einer professionellen Therapie werden genaue Daten über das übergwichtige Kind erfasst, um individuell helfen zu können. fotolia.de © Africa Studio

    Zunächst sollen eine Kombination aus Ernährungsumstellung, vermehrter Bewegung und Verhaltenstherapie in der Phase der Gewichtsreduktion als auch bei der langfristigen Stabilisierung des Körpergewichts eine Grundlage für übergewichtige Kinder bilden. Oft können diese Dinge, die für viele Eltern schwer umzusetzen sind, schon helfen, um Kinder wieder zu einem Normalgewicht zu bringen

  2. Oft stellt sich dabei raus, dass gerade am Verhalten und der Psyche sowie der Einstellung der Kinder gearbeitet werden muss. Es können dann unterschiedliche Programme zum Einsatz kommen. So kann der Austausch und die Arbeit in Gruppen Gleichgesinnter (auch bezüglich der Erfahrungen im Klinikaufenthalt und im Rahmen des Adipositas-Programms etwa über Erfolge oder die Verarbeitung von eventuellen Misserfolgen helfen. Gleiches gilt für Übungen zur Körperwahrnehmung sowie beispielsweise Entspannungsübungen zur Förderung der Körperwahrnehmung und zur Stärkung des Selbstbewusstseins sowie der Selbstwahrnehmung
  3. Helfen diese Maßnahmen alleine nicht, kann eine ergänzende, medikamentöse Unterstützung infragekommen. Wichtig ist, dass die medikamentöse Therapie nur fortgesetzt wird, wenn sie auch eine nachweisbare Gewichtsabnahme verursacht
  4. Zeigen alle diese Schritte langfristig kaum oder keinen Erfolg, kann ab einem BMI von 35kg/ m² inklusive Folgeerkrankung und/oder 40 kg/m² ohne Folgekomplikation eine bariatrische Operation angestrebt werden.

All das lässt sich aber vermeiden. Und dafür sollten alle Eltern so gut es geht versuchen, zu sorgen. Es ist doch im Grunde gar nicht so schwer, oder?