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Digitales Lernen im Kindesalter: ja oder nein?

In der Kindererziehung sind viele Themen umstritten. Ganz vorne mit dabei ist die Frage, ob, wann und in welchem Ausmaß Kinder mit digitalen Medien in Berührung kommen sollten.

Viele Eltern befürchten einen negativen Einfluss von Fernseher, Smartphone & Co auf ihre Sprösslinge – bis hin zu einer handfesten Internetabhängigkeit. Internetsucht kann schwere psychische Folgen nach sich ziehen. Dazu gehören Selbstmordgedanken, Depressionen, Autismus, Aggressionen oder ADHS – um nur einige Beispiele zu nennen. Weiterhin steigt das Risiko weiterer Süchte wie eine Alkohol-, Medikamenten- oder Drogensucht im späteren Leben. Ein erschreckendes Szenario, welches allerdings nicht dazu führen sollte, Medien allgemein zu verteufeln.

Das Lehren und Lernen wird immer digitaler

Fakt ist nämlich, dass digitale Medien fest zum Alltag der Kinder gehören und auch zukünftig darin eine wichtige Rolle einnehmen werden. Das gilt sowohl für das Sozialleben, sprich die Kommunikation mit Freunden über WhatsApp oder Social Media, als auch für die Bildung. Wer dazu gehören möchte, muss sich zumindest ein Stück weit mit digitalen Medien auskennen. Obwohl die Digitalisierung in deutschen Schulen bislang nur langsam Einzug hält, wird das digitale Klassenzimmer nämlich kommen – garantiert. Experten fordern sogar eine möglichst schnelle Einführung, denn wer später im Beruf mit internetbasierten Medien arbeiten soll, muss diese bereits zu Schulzeiten aus dem Effeff beherrschen. Medienkompetenz wird auf dem Arbeitsmarkt zukünftig zu einer der wichtigsten Kompetenzen heranwachsen. Deutschland hat diesbezüglich dringenden Nachholbedarf. Die digitale Transformation des Bildungssystems ist deshalb ein Thema, welches die Politik aktuell stark beschäftigt. Zudem ist es nicht so, als brächte digitales Lernen nicht auch zahlreiche Vorteile mit sich.

Digitales Lernen befindet sich auf dem Vormarsch

E-Learning oder das spielerische digitale Lernen namens Gamification sind Konzepte, welche sich derzeit in rasantem Tempo verbreiten sowie auf technologischer Ebene weiterentwickeln. Nicht nur in Schulen, sondern auch an Universitäten oder für berufliche Weiterbildungen, Sprachkurse, Seminare oder andere Unterrichtsformen wird im digitalen Lernen die Zukunft gesehen. Dies liegt in den zahlreichen Vorteilen begründet, welche mit den digitalen Lernformen einhergehen. Um nur einige zu nennen, gehören dazu beispielsweise:

    • Flexibilität hinsichtlich Zeit und Ort für die Lernenden
    • Kosteneinsparungen gegenüber dem Präsenzunterricht für die Lehrenden
    • Individualität beim Lernen (Kurse können so oft wie gewünscht und im eigenen Tempo durchgearbeitet werden)
    • Digitale Lernfortschrittkontrolle für die Lehrkräfte
    • Möglichkeit der Einbindung von Fotos, Videos oder Games

Kinder am TabletVor allem letzterer Punkt ist für Kinder interessant. Das spielerische Lernen über digitale Medien – die Gamification – erhöht nämlich schon bei Erwachsenen den Spaß sowie die Motivation beim Lernen erheblich. Bei Kindern sowie Jugendlichen ist dieser Effekt natürlich noch einmal deutlich größer. Das Lernen passiert neben dem Spielen quasi automatisch, gefühlt ohne Anstrengung und dadurch effizienter, schneller sowie nachhaltiger.

„Spielifizierung“ des Lernens ist kein neues Modell

Das Lernen im Kindesalter spielerisch zu gestalten, ist kein neues Modell. Niemand setzt sich mit dem Krabbler vor die Tafel und versucht, klassischen Unterricht zu halten. Das bedeutet keinesfalls, dass Kinder nicht bereits vor Erreichen des Schulalters lernen können und sollten. Schon lange gab es dafür Brett- und Kartenspiele zum Erlernen von Farben oder Bauklötze mit aufgedruckten Buchstaben. Die Ideen zu einer „Spielifizierung“ des Lernens im Kindesalter sind zahlreich und erstrecken sich natürlich auch auf die digitalen Medien. Während manche Eltern begeistert zu Computer, Tablet oder Smartphone greifen und auch den Fernseher ausgiebig nutzen, schrecken ebenso viele vor der digitalen Gamification zurück. Zu unsicher sind sie sich bezüglich der Auswirkungen auf das Kind. Tatsächlich ist exzessiver Medienkonsum, sei es nun Fernsehen oder das Tablet, schädlich und kann sogar zu Entwicklungsstörungen beitragen. Wie bereits erwähnt, ist das jedoch kein Grund, digitale Medien kategorisch zu verteufeln und aus dem Leben des Kindes zu verbannen. Es kommt stattdessen auf das „Wie“ und die Häufigkeit an.

Kinder lernen am liebsten digital

Tatsächlich konnte ein Studie bereits im Jahr 2013 beweisen, dass Kinder lieber und somit auch besser lernen, wenn sie digitale Hilfsmittel verwenden. Eine Gamification im Sinne von bewegten Bildern, dem Sammeln von Punkten oder Animationen kann die Motivation beim Lernen also bereits im jungen Lebensalter erhöhen und somit die Lernerfolge positiv beeinflussen. Dass Kinder diese oft und gerne nutzen – wenn sie denn dürfen – beginnt aber bereits vor dem Schuleintritt. Wenn es nach den Kindern gehen würde, könnten diese also den ganzen Tag über digitale Medien lernen. Die Lernprogramme sprechen mehrere Sinne zeitgleich an und faszinieren die Kinder dadurch, sodass diese die Lerninhalte geradezu aufsaugen und anschließend direkt praktisch ausprobieren. Richtig eingesetzt, können somit große Erfolge erzielt werden. Eigentlich ist es doch ein Traum für die Eltern, wenn die Kinder freiwillig büffeln, oder? Nein, sind sich viele Eltern einig. Auch das digitale Lernen bedeutet schließlich die so umstrittene Mediennutzung im Kindesalter.

Medienkompetenz für die spätere Karriere

Doch das frühe und motivierte Lernen ist nicht nur für ausgezeichnete Noten in der Schule wichtig, sondern diese wirken sich ebenso wie die erworbene Medienkompetenz sogar positiv auf die spätere Berufslaufbahn aus. Wer seinem Kind also die besten Startvoraussetzungen für eine steile Karriere mitgeben will, hat mit digitalen Medien die richtigen Hilfsmittel zur Hand. So viel zur Theorie. In der Praxis handelt es sich dabei um ein zweischneidiges Schwert. Gerade jüngere Kinder sind von der Informationsflut durch Videos, Animationen & Co schnell überfordert. Gleichzeitig plädieren Bildungsforscher und Pädagogen dafür, ihnen so früh wie möglich den Umgang mit Smartphone, Tablet und Computer beizubringen. Die Eltern sind verunsichert, was sich auch in den Studienergebnissen widerspiegelt: Die Eltern schätzen den Spaßfaktor am Lernen nur beim praxisorientierten Arbeiten höher ein als bei einer Gamification. Sie nehmen also durchaus die Begeisterung ihrer Kinder an den digitalen Medien wahr. Jeder Fünfte behauptet sogar, sein Schulkind hätte beim Lernen am Computer am meisten Motivation.

Digitales Lernen ist auch Medienzeit

Das Fazit lautet also: Digitales Lernen ja, aber erst ab einem geeigneten Alter sowie in Maßen. Die Lerninhalte sollten auf das jeweilige Lebensalter angepasst sein. Zudem empfehlen Pädagogen feste Zeiten für die Mediennutzung pro Tag. Ein Grundschulkind sollte beispielsweise nicht mehr als eine Stunde täglich mit digitalen Medien verbringen. Dazu zählt der Fernseher ebenso wie das Smartphone oder Tablet. Innerhalb dieser Zeitspanne ist es durchaus sinnvoll, das Kind mit einer Gamification in Berührung zu bringen. Einerseits kann es dadurch mit Spaß lernen, andererseits erwirbt es quasi vollautomatisch Medienkompetenz, um in der Schule mit den Gleichaltrigen mithalten zu können – was spätestens bei der Einführung des digitalen Klassenzimmers notwendig sein wird. Auch, wenn die Eltern sich also freuen, dass ihr Sprössling freiwillig lernen möchte, sollten sie die Nutzungszeiten der jeweiligen Medien überwachen und einer übermäßigen Mediennutzung rechtzeitig den Riegel vorschieben.

Mutter mit Kind auf dem Sofa am LaptopWichtig ist zudem, dass die Kinder den richtigen Umgang mit dem Internet erlernen, denn hier lauern durchaus einige Gefahren. Es macht aber keinen Sinn, sie durch übertrieben strenge Regeln vom Internet fernzuhalten – denn eines Tages werden sie ohnehin damit konfrontiert. Je früher die Kinder also lernen, wie sie sich sicher im World Wide Web bewegen, wann Vorsicht angebracht ist und wie sie sich vor Gefahren schützen, umso besseren Gewissens können die Eltern ihren Nachwuchs mit zunehmendem Lebensalter unbeaufsichtigt lassen. Zu Beginn ist es also essentiell, die Kinder bei ihren ersten Schritten in den digitalen Medien zu begleiten und gemeinsam mit ihnen die Gamification durchzuspielen. Regeln wie jene zur Lerndauer werden am besten akzeptiert, wenn Eltern und Kinder diese gemeinsam festlegen. Und zuletzt sollte die Lernumgebung natürlich werbefrei sein. Werden diese Tipps berücksichtigt und übernehmen die Eltern Verantwortung, so ist das digitale Lernen eine Bereicherung in vielerlei Hinsicht – und keine Gefahr, wie oftmals befürchtet.